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Inhalt von Heft 1-2009 Renate Mayntz Schwerpunkt: Das Personal des modernen Staates Ulrich Battis Gerhard Hammerschmid/Renate E. Meyer/Isabell Egger-Peitler Christoph Demmke Christoph Reichard/Manfred Röber Martin Lodge Abhandlungen Armin Schäfer Sikandar Siddiqui/Margrit Seckelmann Peter Strohmeier/Anett Schultz/Holger Wunderlich Forschungsagenda Daniel Roelle Heft 1/2009 Zusammenfassungen und Abstracts Politikberatung
Renate Mayntz Speaking Truth to Power: Leitlinien für die Regelung wissenschaftlicher Politikberatung
Zusammenfassung In mehreren Ländern wurden in letzter Zeit Leitlinien für die wissenschaftliche Politikberatung formuliert. Am Beispiel der britischen, europäischen und jüngst von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verabschiedeten deutschen Leitlinien wird untersucht, wie weit solche Leitlinien tatsächlich zum Treffen rationaler, evidenzbasierter und dadurch problemlösungsfähiger Policy-Entscheidungen beitragen können. Leitlinien, die sich auf die Organisation von Beratungsgremien und das Verhalten von Beratern beziehen, können prinzipiell auf die Produktion sachlich fundierter und praktisch verwertbarer Beratungsergebnisse hinwirken. Aber auch eine Erweiterung der nur ansatzweise vorhandenen Leitlinien für das Verhalten der Auftraggeber könnte weder die sachgerechte Verwendung „guter“ Beratungsergebnisse gewährleisten, noch die Instrumentalisierung wissenschaftlicher Politikberatung verhindern. Die Wirksamkeit wissenschaftlicher Politikberatung findet ihre Grenze in der prinzipiell nicht lösbaren Spannung zwischen dem Sachbezug und dem Machtbezug politischen Handelns.
Schlagworte: Leitlinien, Politikberatung, Organisation, Policy & Politics
Speaking Truth to Power: Guidelines for Scientific Policy Advice
Abstract In several countries guidelines for the organization and conduct of scientific policy advice have recently been formulated. Using British, European and the German guidelines ratified by the Berlin-Brandenburg Academy of Sciences as examples, the article analyzes to what extent such guidelines can in fact facilitate the making of evidence-based and effective policy decisions. Guidelines for the organization of advisory committees and the behavior of advisers can in principle lead to the production of sound policy advice, but even an expansion of the scant present guidelines for the behavior of those seeking advice could not assure that advice is used as intended. The effectiveness of policy advice is compromised by the inseparability of Policy and Politics. Key words: Guidelines, Policy Advice, Organization, Policy & Politics
Schwerpunkt: Öffentlicher Dienst
Christoph Reichard/Eckhard Schröter Der öffentliche Dienst im Wandel der Zeit: Tradierte Probleme, aktuelle Herausforderungen und künftige Reformperspektiven
Zusammenfassung Der nachstehende Überblick über die aktuellen Entwicklungen des öffentlichen Dienstes setzt die tradierten Merkmale und gegenwärtigen Reformtendenzen der öffentlichen Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland in Bezug zu den international vorherrschenden Strukturen und Modernisierungstrends öffentlicher Personalpolitik. Ausgehend von den vielschichtigen Bedeutungen des „öffentlichen Dienstes“, setzt sich der Beitrag mit den Grundtypen öffentlicher Beschäftigungsverhältnisse auseinander, skizziert die wesentlichen internationalen Strömungen der Personalpolitik im öffentlichen Sektor und analysiert wesentliche Faktoren für den zu beobachtenden Wandel, aber auch für die starken Beharrungstendenzen. Vor diesem Hintergrund werden die aktuellen Tendenzen im deutschen öffentlichen Dienst kritisch beleuchtet und zentrale Handlungsfelder für künftige Reformen identifiziert.
Schlagworte: Öffentlicher Dienst, Beamtentum, Verwaltungsreform, Vergleichende Verwaltungswissenschaft, Deutschland
Civil Service Systems Changing Over Time: Inherited Problems, Current Challenges and Future Reform Perspectives
Abstract This article provides an overview of current trends in public sector employment in Germany and sets the German experience in an international perspective. In view of the increasing institutional differentiation of the public sector and the blurred borderlines between the public, private and non-profit sector, it sets out to analyze the multifaceted meanings of “public sector employment” and sketches significant international reform tendencies in public sector personnel policies. Against the backdrop of a typology of civil service systems, the argument continues to analyze major shaping factors in the current reform debate so as to account for the remarkable changes, but also for the relatively high degree of inertia in civil service systems. In light of this comparative discussion, the German case is critically evaluated, placing particular emphasis on the widening gulf between inherited personnel structures (including moderate adjustments) and new challenges in the wake of economic and social changes.
Key words: Public sector employment, civil service, administrative reform, comparative public management, Germany
Martin Lodge Public Service Bargains, New Public Management und Variationen in Verwaltungsreformen
Zusammenfassung Über die Auswirkungen des sogenannten New Public Managements auf das Personal des öffentlichen Sektors ist bereits vieles gesagt worden. In diesem Beitrag wird in diesem Zusammenhang die „Public Service Bargain“-Perspektive verwendet, welche die Bedeutung von gegenseitigen Erwartungen und Verpflichtungen zwischen öffentlichem Personal und dem gesamten politischen System in den Mittelpunkt rückt. Aus dieser Sichtweise werden die etablierten Kernaussagen zum deutsch-britischen Reformvergleich mit dem Ergebnis überprüft, dass viele bisherige Stereotype revidiert werden müssen. Dabei geht der Beitrag in vier Schritten vor: Erstens werden die überlieferten Sichtweisen zu den deutschen und britischen Reformerfahrungen im Bereich des öffentlichen Dienstes dargestellt. Zweitens wird die Perspektive der Public Service Bargains präsentiert, bevor sich, drittens, eine vergleichende Analyse der beiden Staaten anschließt. Auf diese Ergebnisse gegründet, wird abschließend der Mehrwert dieser Perspektive erörtert, den die Public Service Bargains für das Verständnis aktuelle Reformen und künftiger Entwicklungen beitragen.
Schlagworte: New Public Management, Public Service Bargains, Deutschland, Großbritannien, Verwaltungsreform
Public Service Bargains, New Public Management and variations in administrative reform
Abstract Much has been said about the impact of the so-called ‘New Public Management’ on public sector personnel. This article employs the Public Service Bargain perspective which stresses the importance of mutual expectations and obligations between public servants and the wider political system. This perspective is utilised to investigate core claims in the comparative experience of the UK and Germany and suggests that widely held stereotypes needs to be revised. This article progresses in four steps. First, it sets out widely held stereotypes regarding the two state’s administrative reform experience in the area of personnel. Second, it illustrates the PSB-Perspective before, third, assessing the comparative experience in the two countries. Based on these findings, the article concludes by highlighting the PSB-perspective’s added value both in terms of providing insights into contemporary reforms, and in terms of predicting the future.
Key words: New Public Management, Public Service Bargains, Germany, UK, Administrative Reform
Christoph Demmke Leistungsbezahlung in den öffentlichen Diensten der EU-Mitgliedstaaten – Eine Reformbaustelle
Zusammenfassung Wenngleich die meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union in den letzten Jahren leistungsbezogene Bezahlungssysteme eingeführt haben, sind vergleichende empirische Studien über Erfolge und Scheitern dieser Reformen rar. Der in den meisten Fällen genannte Hauptgrund für die Einführung leistungsorientierter Bezahlungssysteme liegt in einer Erhöhung der Motivation der Beschäftigten und somit in einer Verbesserung der Leistung und Effizienz. Darüber hinaus folgt der Reform der Bezahlungssysteme zumeist eine starke Tendenz zu ihrer Dezentralisierung und zur Übertragung der Zuständigkeit für die Systeme an regionale und lokale Behörden, an Agenturen oder sogar Leiter einzelner Abteilungen. Leistungsorientierte Bezahlung kann durchaus als wirkungsvolles Instrument mit dem Ziel der Erhöhung der Leistung und der individuellen Motivation eingeführt werden. Hingegen können Systeme einer leistungsbezogenen Bezahlung sich sogar sehr nachteilig auf die Motivation der Beschäftigten auswirken, wenn sie nicht sehr professionell gehandhabt werden. Insofern sind Leistungsorientierte Bezahlungssysteme sehr ambivalente Personalmanagementinstrumente, deren positive Auswirkungen häufig überschätzt werden.
Schlagworte: Leistungsentlohnung, Leistungsmanagement, Motivation, Dezentralisierung, Führungsfähigkeit
Performance pay in the public services of the Member States of the EU – an unfinished reform project
Abstract Although most Member States of the European Union have implemented performance-related pay systems in recent years, comparative and empirical studies on successes and failures in implementing these reforms are scarce. The main reason for introducing Performance Related pay (PRP) cited in most cases is to enhance the motivation of employees and thus to improve performance and efficiency. In addition, the reform of pay systems is followed by a strong tendency to decentralise the remuneration system to regional and local authorities, or to agencies and even to line management. As one instrument amongst many others PRP can be used to improve the performance and motivation of public employees. However, if not handled very professionally PRP schemes may also be detrimental to the motivation of individuals. Like this PRP is an extremely ambivalent HRM-instrument whose positive impact is widely overrated.
Key words: Performance Pay, Performance Management, Motivation, Decentralisation, Leadership
Gerhard Hammerschmid/Renate E. Meyer/Isabell Egger-Peitler Das Konzept der Public Service Motivation – Status Quo der internationalen Diskussion und erste empirische Evidenzen für den deutschsprachigen Raum
Zusammenfassung Das Konzept der Public Service Motivation (PSM) fokussiert auf die spezifischen Beweggründe und Motivationen, die für öffentlich Bedienstete charakteristisch sind und untersucht, welche Implikationen dies für zentrale Fragestellungen des Public Management wie etwa Arbeitszufriedenheit, Organizational Commitment, Anreizsysteme oder generell die Performance öffentlicher Verwaltungen, hat. Ursprünglich für den angelsächsischen Raum entwickelt, gewinnen diese Fragestellungen zunehmend auch in Europa an Relevanz. Für den deutschsprachigen Raum liegen derzeit noch keine international anschlussfähigen Ergebnisse vor. Der vorliegende Beitrag präsentiert erste empirische Evidenzen aus Österreich und verortet diese in der internationalen PSM-Forschung. Die grundsätzliche Eignung des Konzeptes und mögliche Anwendungen in der deutschsprachigen Public Management-Forschung stehen dabei im Vordergrund.
Schlagworte: Motivation, Personalmanagement, öffentlicher Dienst, Anreizsysteme, Public Management
Public Service Motivation – Status Quo of international research and first empirical evidences from the German-speaking context
Abstract The Public Service Motivation (PSM) concept focuses on the specific motivations of public servants and analyses implications for central questions of public management such as employee satisfaction, organizational commitment, reward preferences or organizational and individual performance. Although originally conceptualized for the Anglo-Saxon context, the concept has increasingly been applied in European public administration contexts. For Germany, no empirical results are yet available. This article presents first empirical evidences from Austria and locates them in international PSM-research. The general appropriateness of this concept and possible applications for public management research in the German-speaking context are the main focus of this paper.
Key words: Motivation, human resource management, civil service, incentive systems, public management
Ulrich Battis Stand und Weiterentwicklung des deutschen Öffentlichen Dienstes
Zusammenfassung Ausgehend von den bereits 1979 in Wageners Realanalyse aufgestellten Thesen analysiert dieser Beitrag die Entwicklung des deutschen öffentlichen Dienstes. So gilt es Wageners Forderungen nach Entfeinerung der Verwaltungsregelungen, Aufgabenbündelung bei Hauptverwaltungseinheiten sowie nach juristisch vorgebildeten Verwaltungsfachleuten auf ihre Umsetzung zu überprüfen. Zentrale Pfeiler der Untersuchung bilden aber auch der von Wagener noch nicht vorhergesehene „Megatrend“ der Privatisierung sowie die schwerwiegenden Auswirkungen von Europäisierung, Managerialisierung und demographischer Entwicklung. Bedeutenden Einfluss nahmen aber auch äußere Bedingungen wie Migration und die symbiotische Konnexion zur Politik sowie jüngst die Föderalismusreform I. Nach einem Perspektivenwechsel wendet sich der Autor den zukünftigen Entwicklungen des öffentlichen Dienstes zu, insbesondere den Änderungen durch DNeuG und BeamtStG, der Förderung von Mobilität und Leistungsbesoldung, dem Recht auf Fortbildungsmaßnahmen sowie dem Wettbewerb um Nachwuchskräfte. Ausblickend werden alternative Verwaltungsmodelle innerhalb der EU aufgezeigt, deren besondere Bedeutung für die künftige Entwicklung des deutschen öffentlichen Dienstes angesichts der fortschreitenden Abhängigkeit der deutschen öffentlichen Verwaltung und ihres Personals von der Politik und der Verwaltung der EU als wegweisend gelten muss.
Schlagworte: Öffentlicher Dienst, Privatisierung, Managerialisierung, Internationalisierung.
State and Enhancements of the German Public Service Abstract Incipient with the theses set up by Wagener in his analysis in 1979, this article deals with the enhancements of the german public service. Firstly the author focuses on Wageners calls for simplification of Germany´s administrative laws, for centralisation of administrative tasks at the main administrative units and for law experts in administrative offices, and examines their realisation. The key aspects of the retrospective main part are the privatisation and as an implication of that the regulative administration, the trend to economically guided administration, the Europeanisation of the public service and the demographic trend. Equally discussed are the effects of migration, the harmonisation of the two-lane system of the public service in Germany, the Föderalismusreform I (federalism reform), and the symbiosis of politics and public service. After a perspective change the article focuses on the prospective developments, such as the modifications introduced by the DNeuG and the BeamtStG, the consequences of advancing mobility, the introduction of the principle of efficiency, the right to further education aswell as the competition concerning the recruitment of high-qualified offspring. Finally the author deals with alternative administratition schemes within the EU and predicts a growing dependence on European administration and politics.
Key words: Public service, privatisation, economization, internationalisation
Christoph Reichard/Manfred Röber Verwaltungsentwicklung und Ausbildungsreformen – Aktuelle Tendenzen in einer unendlichen Geschichte
Zusammenfassung Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat die Rahmenbedingungen des öffentlichen Dienstes stark verändert. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob das traditionelle Leitbild für den öffentlichen Dienst und die darauf basierenden Konzepte der Aus- und Fortbildung noch zeitgemäß sind. Zunächst wird in diesem Artikel skizziert, welche Erwartungen Bürger und Gesellschaft an Staat und Verwaltung haben und welche Anforderungen sich daraus an das Beschäftigungssystem des öffentlichen Sektors ergeben. Im Anschluss daran wird das traditionelle System der Aus- und Fortbildung mit seinen Vorteilen und mit seinen sich immer deutlicher abzeichnenden Nachteilen und Unzulänglichkeiten beschrieben. Im Zusammenhang mit den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen, vor denen der öffentliche Dienst steht, werden neuere in- und ausländische Ansätze zur Reform der Verwaltungsausbildung im Kontext des Bologna-Prozesses dargestellt. Unter Rückgriff auf institutionentheoretische Konzepte wird aber auch erläutert, dass sachlich gebotene Veränderungen in der Verwaltungsaus- und -fortbildung auf Grund von stark wirksamen Pfadabhängigkeiten nur schwierig und langsam umgesetzt werden können.
Schlagworte: Verwaltungsmodernisierung, Aus- und Fortbildung für den öffentlichen Sektor, Bologna-Prozess, Institutionentheorie : Administrative modernisation and reforms of education and training – present trends in a never ending story
Abstract The economic and social developments over the last decades have changed the context of public services considerably. Against this background it has to be critically examined whether the traditional civil service model as well as the related concepts of education and training are still in keeping with time. This paper is outlining expectations of citizens and society towards state and administration; some related demands on public sector employment systems are also discussed. The following part gives an overview about the established system of education and training in German public administration – referring to its strengths as well as to its more and more emerging weaknesses and deficiencies. In the context of the Bologna process new approaches of public sector education and training are presented. Referring to institutional theory and ideas of path-dependency the paper finally concludes with some remarks about hurdles in the implementation of obviously essential reform steps in public sector education and training.
Key words: Public sector modernization, education and training for public sector institutions, Bologna process, institutional theory
Sikandar Siddiqui/Margrit Seckelmann Der Subprime-Kollaps: Ursachen, Auswirkungen und Implikationen für staatliches Handeln
Zusammenfassung Dieser Text beschreibt den Zusammenbruch des Marktes für US-amerikanische Subprime-Hypotheken und erklärt, wie sich dieses Geschehen zu einer internationalen Finanzmarktkrise ausweiten konnte. Darauf aufbauend wird eine Bestandsaufnahme der für international tätige Kreditinstitute derzeit maßgeblichen öffentlichen Regulierungen vorgenommen und daraus eine Reihe von Handlungsempfehlungen für eine Überarbeitung dieser Vorgaben abgeleitet. Die sich anschließende ökonomische Analyse der wahrscheinlichen Auswirkungen aktueller staatlicher „Rettungsmaßnahmen“ für den Bankensektor mündet in einen alternativen Vorschlag zur Stabilisierung der Bewältigung der aktuellen Krisensituation.
Schlagworte: Subprime-Krise, Verbriefungsmarkt, Regulierung des Bankensektors
The Subprime Collapse: Causes, Effects,and Policy Implications Abstract This text describes the collapse of the U.S. market for subprime mortgages and explains how this event could lead to an international financial crisis. Subsequently, an evaluation of the prevailing regulatory environment for internationally active banks is carried out, from which a number of recommendations for related policy reforms are derived. The following analysis of the likely consequences of current public rescue measures for the banking sector leads to an alternative policy suggestion for coping with the crisis.
Key words: Subprime crisis, securitisation, banking regulation
Armin Schäfer Krisentheorien der Demokratie: Unregierbarkeit, Spätkapitalismus und Postdemokratie
Zusammenfassung Dieser Aufsatz greift die in den Siebzigerjahren entwickelten Argumente zur „Unregierbarkeit“ einerseits und zum „Spätkapitalismus“ andererseits auf und befragt sie nach ihrer heutigen Relevanz. Beide Denkschulen erkannten eine Überforderung des Staats. Während linke Autoren die Ursache in den Widersprüchen des Kapitalismus verorteten, machten Konservative die Anspruchsinflation von Transferempfängern und die Überdehnung demokratischer Partizipation verantwortlich. Anhand empirischer Trends aus den OECD-Staaten wird dargestellt, wie der Staat seit der Unregierbarkeitsdebatte gesellschaftliche Ansprüche abwehrt, indem er dem Markt mehr Geltung verschafft und die eigenen Steuerungsansprüche reduziert. Gemessen an den damaligen Prognosen hat der Staat Handlungsfähigkeit gewonnen. Dadurch ist jedoch der Vertrauensverlust in die Politik nicht gestoppt, sondern beschleunigt worden. Diese Analyse lässt die Konturen einer neuen Krisendiagnose erkennbar werden, die der Begriff „Postdemokratie“ kennzeichnet.
Schlagworte: Demokratietheorie; Legitimation; Sozialstaatsreform; Postdemokratie
Crisis Theories of Democracy: Ungovernability, Late Capitalism, and Post-democracy
Abstract This paper revisits arguments about ‚ungovernability’ and ‚late capitalism’ developed in the seventies to inquire into their current usefulness. Both theories noted government overload. Neomarxists saw the reason in the contradictions of late capitalism, while Conservatives held rising expectations and undue participation responsible. Looking at long-term empirical trends in OECD-countries helps to understand how governments have since then fended off societal expectations by expanding markets and reducing their own ambitions. Although the state has in due process regained some capacity to govern, this has not reversed but actually reinforced the contemporary disenchantment with politics. This analysis supports the current crisis diagnosis that we are entering a post-democratic age.
Key words: democratic theory; legitimacy; retrenchment; welfare state reform; post-democracy
Annett Schultz/Klaus Peter Strohmeier/Holger Wunderlich Örtliche Familienpolitik – warum und wie?
Zusammenfassung In Deutschland hat der Geburtenrückgang der 1960er und 1970er Jahre erst Ende des letzten Jahrzehnts der staatlichen Familienpolitik Prominenz und neuen Schub gegeben. Familienpolitik in Deutschland am Anfang des 21. Jahrhunderts versteht sich als Bevölkerungspolitik, die bezweckt, mit verbesserter Vereinbarkeit von Beruf und Familie das Ausmaß an Kinderlosigkeit zu senken und die Geburtenzahlen zu heben. Diese Ausrichtung orientiert sich an den Bedarfen von Mittelschichtfamilien, und sie fokussiert quantitative Aspekte der Leistung von Familien für die Gesellschaft. Tatsächlich gibt es in den Städten und Gemeinden aber eine Vielfalt von Lebenslagen der Familien mit unterschiedlichen Gefährdungen von Qualitäten der Entwicklung von Kindern, die nach differenzierten und integrativen örtlichen Politikansätzen unter Einbeziehung der Wirtschaft und zivilgesellschaftlicher Akteure verlangt. Örtliche Familienpolitik ist Investition in die nachwachsende Generation. Um passgenaue Lösungen für unterschiedliche Problemlagen entwickeln zu können, braucht es gute Informationsgrundlagen, die eine kommunale Familienberichterstattung schafft. Es braucht Zuständigkeiten für Familie in den Kommunen und die Beteiligung der Familien „vor Ort“. Wirksame örtliche Familienpolitik integriert Aktivitäten unterschiedlicher individueller und korporativer Akteure, die geeignet sind, die Leistungen der Familien umfassend zu unterstützen. „Mehr Kinder“ ist nicht genug.
Schlagworte: Demografie, Familie, Familienpolitik, Kommune, Interventionsformen
Local family policy – why and how?
Abstract The declining birth rates of the 1960s and 1970s have (only in the late 1990s) given new impetus to national family policies. At the beginning of the 21st century Family policy in Germany is factually population policy which, by means of improving the combination of job life and family life, is attempting to reduce the amount of childlessness and to increase fertility. This orientation follows the needs of middle-class families, and focuses on the quantitative aspects of family functioning in society. In fact, however, within each individual city, there is a multitude of conditions of family life, each involving different risks for the quality of child development, demanding differential, integrative local family policies, also involving the economy and civil society. Local family policy is an investment into coming generations. Family policy has to be well informed (through local family reports) to develop adequate solutions to different problems, responsibilities for family affairs on the local level must be integrated, and families must have a chance to participate. Effective local family policy has to integrate the actions of individual and corporate actors, which support families functioning in a comprehensive way. „More children” is not enough.
Key words: demography, family, family policy, local authority, intervention
Daniel Rölle Vertrauen in die öffentliche Verwaltung – Zwischen Systemstabilität und Modernisierungsdruck
Zusammenfassung Die öffentliche Verwaltung gehört nicht nur zu den wesentlichen Merkmalen der parlamentarischen Demokratie in Deutschland; sie fungiert auch als Bindeglied zwischen staatlicher Autorität und Bevölkerung und macht so Demokratie erlebbar. Trotz ihrer zentralen Rolle in Staat und Gesellschaft ist bislang relativ wenig darüber bekannt, welche Rolle dem Vertrauen in die öffentliche Verwaltung im gesamten Institutionenvertrauen innerhalb des politischen Systems empirisch zukommt. Noch weniger ist darüber bekannt, welche Faktoren dieses Vertrauen beeinflussen bzw. erklären können. Sowohl die verwaltungswissenschaftliche als auch die Politische Kultur-Forschung beschäftigte sich bisher kaum mit diesen Fragen. Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den Faktoren, die das Vertrauen in die Verwaltung erklären.
Stichworte: Vertrauen, öffentliche Verwaltung, Performanz, Responsivität, Politische Kultur
Trust in public administration – Between system stability and the stress to modernisation
Abstract Public administration belongs not only to the essential signs of the parliamentary democracy in Germany; it also acts as a connection between state authority and people and makes thus democracy experienceable. In spite of the central role of public administration in state and society it is empirically not well known which role comes up to the trust in public administration within the political system. Much less is known about the factors which influence trust in public administration. Neither the administrative sciences nor the political cultural research dealt up with these questions intensely. The present paper deals with the factors which explain trust in the management.
Key words: trust, public administration, performance, responsiveness, political culture
Charlie Jeffery Devolution in the United Kingdom: Ever Looser Union?
Abstract The devolution reforms in the UK were designed, and function in disconnected ways. The devolved institutions in Scotland, Wales and Northern Ireland were each established for distinctive reasons. England continues to be governed in a centralised manner by central government institutions in London. The structures for coordination between the different parts of the UK, and between them and central government are weak. The article explores the reasons for this disconnected union, and the centrifugal dynamics that have resulted.
Key words: Devolution, constitutional change, asymmetry, federalism
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